Mit meinen Eltern bin ich jahrelang über Weihnachten und Silvester auf die Kanaren geflogen. Als Uwe Barschel tot in der Badewanne lag, paddelte ich mit Schwimmflügeln durch einen Pool auf Formentera. Eines Dezembers besuchte ich anlässlich eines runden Geburtstags in der Familie den Ballermann. Mit 16 und 18 knutschte ich mich je zwei Wochen durch Lloret de Mar. Einen Sommerurlaub verbrachte ich mal mit meinem besten Schulfreund in der Nähe von Almeria, 2007 fuhr ich in den letzten Urlaub mit meiner Familie auf Fuerteventura. Und 2011 lernte ich surfen in Andalusien, wo ich mich so verknallte, dass ich noch eine Woche Roadtrip von Granada nach Portugal dranhing. Fazit: Spanien ist eine solide Feriendestination. Es ist das Ausland, in dem ich in meinem Leben am häufigsten Urlaub gemacht habe. In Barcelona war ich zwar noch nie zuvor gewesen und kennen tat ich da auch keinen. Aber ich fühlte mich sofort wie zu Hause. (Es gab RTL im Hotel.)

Nach einem klassischen Touri-Wochenende mit Hotelzimmer und Stadtrundfahrt zog ich in ein Zimmer in Poblenou. Mein Mitbewohner war ein Mann, den ich Sperman nannte, weil halb Spanish, halb German. Er ist zwar Spanier, hat aber Germanistik studiert. Spricht demnach fließend Deutsch. Ich brachte ein Bier mit, damit wir uns gleich richtig (=sternhagelvoll) kennenlernen konnten. Er lehnte milde lächelnd ab. “Ich trinke niemals Alkohol.” Betreten sah ich mich um. Im Kühlschrank: Grüne Äpfel. In der Schrankwand: deutschsprachige Geschichtsbücher über Hitler, der DUDEN. Die Wohnung: Blitzblank. Der Müll: In einem komplizierten Verfahren mit mehreren Behältnissen zu trennen. Die Tür: Bitte abschließen, auch von innen. Seine Freundin: Nett. WIE DEUTSCH KANN MAN ALS SPANIER EIGENTLICH SEIN, HÄ??? Das Gute an Sperman: Seine Bleibe war bloß ein paar Minuten vom Strand Mar Bella entfernt. Da setzte ich mich hin und guckte aufs Meer und die im Wind wehenden Busen der Spanierinnen. Eine SMS störte die Idylle. Der Engländer aus Dubai kündigte an, seinen Heimaturlaub im Nieselregen zu unterbrechen und am nächsten Tag in Barcelona zu landen. Die Operation “neue Freunde finden” konnte also abgebrochen werden. Phew!

Die folgende Woche verlief so: Während ich vormittags im Sprachkurs saß, lebte der Engländer seine perversen Vorlieben für Geschichts-Museen und Souvenir-Shops aus. Nachmittags erkundeten wir zu zweit die Stadt (“Is this where it’s happening?” - “I think this is where it’s happening.” - “Maybe not now though, is it.”). Wir gingen Tapas essen, gondelten auf den Montjuic, hingen am Beach ab. Kaum war der Engländer dabei, boten uns die Getränkeverkäufer am Strand nur noch Bier und einen gewissen “Charlie” an. Nachdem man mir erklärt hatte, was es damit auf sich hat, war ich empört und der Engländer lachte. Schon auf Gili meinte er herausgefunden zu haben, dass ich reichlich naiv sei, was die Themen Prostitution (“Toll, wie selbstbewusst die Frauen hier auf Männer zugehen!”) und Drogen betrifft (auf der Full Moon Party, über einen mit dem Unterkiefer mahlenden Indonesier: “Meinst du, der hat evtl. was genommen, also, pssst, ich meine: Rauschgift?”).

Meinem Blitzmerkertum für Gesetzesverstöße und Ungerechtigkeiten war es auch zu verdanken, dass ich mich nach einer Woche Sprachkurs am Kopf kratzte und mich fragte: Könnte es evtl. sein, dass Spanier grässliche Rassisten sind? Folgendes Beweismaterial hatte ich in der Hand:
- Die Sprachlehrerin sammelt Restaurants verschiedener Nationalitäten. Damit wir drauf kommen, was in der Liste noch fehlt, verzieht sie ihre Augen mit den Fingern zu Schlitzen.
- Die Taiwanesin aus unserem Sprachkurs wird durchgehend als “japonesa” bezeichnet.
- Der schwarzen Belgierin wird vom Sprachlehrer als einziger Teilnehmerin unterstellt, sicher ganz gern mal einen durchzuziehen.
- Als sie den Beispielsatz “Ich lege mich gern in die Sonne” vorliest, bricht die Lehrerin in schallendes Gelächter aus und ruft: “Haha! Das sieht man!"
Auch außerhalb des Sprachkurses fiel mir auf, dass die einzigen Schwarzen in der Stadt fliegende Straßenhändler sind, die Fake-Designersonnenbrillen an Touristen verkaufen und von der Polizei den ganzen Tag durch die Stadt gejagt werden. Sind jetzt die Spanier Rassisten? Oder ich, weil ich Spanier als Rassisten beschimpfe?

Nachdem ich den Engländer wieder in sein albernes Flugzeug gesetzt hatte, kam ich mir kurz ein bisschen verloren vor. Der war weg, Sperman war seltsam und dieser Charlie hatte sich als Deckname für Kokain herausgestellt. Im Sprachkurs hatte sich auch wieder bloß die einzige Suizidgefährdete an mich rangewanzt. Mir war schon klar, was das für mich bedeutete, aber alles in mir wehrte sich dagegen. Es nützte nichts. Wiederaufnahme der Operation "neue Freunde finden”: Ich musste in ein Hostel einchecken.