Ohweiohwei. Bloggern, die ein halbes Jahr für einen Eintrag benötigen, sollte der Internetzugang verweigert werden. Mittlerweile war ich schon wieder in Spanien, Schweden, Österreich und noch mal in Dubai. Aber alles muss seine Ordnung haben. Deswegen noch mal ein halbes Jahr zurückgespult und sich in den Sommer 2012 versetzt, mit Gänsehaut in einem Internetcafé in Barcelona, weil ich mich dazu zwingen muss, die nächsten Nächte in einem Hostel zu verbringen. Mit fremden Menschen!!! Eeeek!

Ich entschied mich für ein Gästehaus mit dem coolen und chicen Namen “Cool & Chic”. Es liegt ein wenig außerhalb, in der Nähe vom Camp Nou. Ich hatte gerade eingecheckt, da stand neben mir auch schon ein kanadisch dreinblickender Kanadier. Wir einigten uns darauf, am Abend was trinken zu gehen.
Den Nachmittag verbrachte ich im Mango-Outlet. Danach musste ich einen neuen Koffer kaufen. Nuff said.
Als ich zurück ins “Cool & Chic” kehrte, erspähte ich den Kanadier mit ein paar anderen im Gemeinschaftsraum. Ich stopfte meine Klamotten unter Einsatz aller verfügbaren Extremitäten in meinen Spind, atmete einmal tief durch, strich mein Kleid glatt und verließ das Zimmer. Ich trat an den Tisch heran und sagte einen Satz, mit dem ich zuvor gute Erfahrungen gemacht hatte: “Stört es euch, wenn ich mich dazu setze?” Störte die nicht. Rasch war der Kanadier nur noch eine schemenhaft gezeichnete Nebenfigur, denn mir gegenüber saß ein Waliser, den eine an Lächerlichkeit grenzende Attraktivität auszeichnete.
Ein paar Stunden später standen wir zu sechst oder siebt im Razzmatazz. Ein junger Neuseeländer namens Tristan hechtete auf die Tanzfläche und verspottete den gesamten Irrsinn der Großraumdisco, indem er herumzappelte wie ein Vollidiot. Als ich ihn sah, hielt ich mir den Bauch vor lachen, damit er sehen konnte, dass ich den Gag verstanden hatte. Es stellte sich als sein regulärer Tanzstil heraus.
Die deutsche Blondine zog mit einem kanadischen Holzfäller ab, der mich im Hostel gefragt hatte, ob ich schon mal einen Menschen getötet hätte. Für mich blieben übrig: der zappelnde Neuseeländer, der schemenhafte Kanadier und die Wichsfantasie aus Wales. Ich ging nach Hause.

Zwei Tage später begab es sich, dass der Waliser und ich uns um 8 Uhr morgens allein im Flur gegenüberstanden. Ich hatte einen Plan: Picasso-Museum. Der Waliser hatte keinen Plan mehr, weil beim Fahrrad ausleihen irgendwas schief gelaufen war. Also machten wir uns gemeinsam auf den Weg zu Picasso. Letztendlich landeten wir im Museum für ungewöhnliche Erfindungen. Danach dackelte der mir bis nach Barceloneta hinterher. Ich runzelte irritiert die Stirn, doch beschloss, einfach so zu tun, als würde ich jeden Tag von superhotten Typen verfolgt werden. Wir schlugen uns die Bäuche im “La Bombeta” voll und knallten uns an den Strand. Nach ein paar Bier erzählte der Waliser, dass er vor drei Monaten seine Verlobung gelöst hatte. Nach Barcelona sei er gekommen, um eine entfernte Bekannte zu besuchen, die hier wohnt, er fand sie aber schon nach zwei Tagen so scheiße, dass er ins Hostel gezogen sei. Stellte sich heraus, dass der Waliser kein eingebildeter Fatzke war, sondern ein grundehrlicher Dorfdödel, Physiklehrer, Triathlet, Optimist. Mit Wegbier bewaffnet schlurften wir durch die Stadt und erzählten uns, was bis dato so passiert war in unseren Leben. Er: “Meine erste Freundin hat mich betrogen.” Ich: “Der hau ich eine rein.” Er: “Nicht nötig. Sie ist tot.” Ich: “Wat?” Er: “Ja. Ein paar Monate später ist sie gestorben. Irgendein Virus.” Gelächter. Ich: “Ernsthaft?” Er: “Ja.” Auf der Dachterrasse des Hotels Barceló Raval gingen wir zu Cocktails über.

Um halb 8 am nächsten Morgen klopfte es an meiner Tür. Es war der Waliser, der mir eine halbe Stunde Zeit gab, um mich fertig zu machen. Scheiße. Mit drei Litern reinen Alks im Magen war völlig klar gewesen, dass ich ihn am nächsten Tag zum Kayaken und Schnorcheln begleiten würde. Jetzt erinnerte ich mich mit schmerzverzerrtem Gesicht an meine Schnorchelerfahrung auf Hawaii. Ich gab mir trotzdem einen Ruck, denn es war des Walisers letzter Tag in der Stadt.
Es war einer der schönsten Tage der gesamten Reise. Und über die schönsten Tage kann man nicht viel schreiben. Vielleicht ein paar Begriffe droppen wie Sonne, Strand, Meer, Fischies, ein Hottie im Kayak. Eine Konversation mit dem Schnorchelexpeditionsleiter verdeutlicht vielleicht am ehesten meine Gefühle. Er, gerade aufgetaucht: “How do you like it?” Ich: “Wow, man! It’s like on telly!” Schnorchelexpeditionsleiter: Irritierter Gesichtsausdruck. Ich: “Äh… ONLY BETTER!” Schnorchelexpeditionsleiter: Daumen hoch. Taucht ab. Ich hatte gelogen. Die Unterwasserwelt ist ge-nau-so wie im Fernsehen! Wow!
Am Abend putzten der Waliser und ich uns raus und gingen in ein Restaurant. Kurz darauf trank ich meine erste “Jägerbomb”. Was will man mehr im Leben.

Die letzte Woche in Barcelona verbrachte ich bis auf ein paar Ausnahmen allein. Einmal setzte ich mich zum Essen in die Cervecería Catalana. Es war eines meiner Ziele gewesen, allein ein Restaurant zu besuchen, ohne mich blöd dabei zu fühlen. Das Ziel hatte ich schon nach ein paar Wochen erreicht. Ich bestellte ein paar Tapas beim Kellner meines Vertrauens, der in Deutschland studiert hatte und fließendes, akzentfreies Deutsch sprach und behauptete, das sei so, weil er die Sprache so schön fände (wtf). Zwei amerikanische Omas am Nebentisch hatten Schwierigkeiten sich zu entscheiden und deswegen bot ich ihnen meine Auswahl zum Probieren an und erklärte ihnen die Karte. Es stellte sich heraus, dass sie auf einer Kreuzfahrt waren und nur diesen einen Abend in Barcelona hatten. Sie waren verblüfft, dass ich mich mit der lokalen Küche auszukennen schien und noch dazu Spanisch parlieren konnte. Nachdem ich ihnen von meiner Reise erzählt hatte, knallte ihnen förmlich die Kinnlade auf den Tisch. Freundlich wie Amerikaner so sind, überschütteten die alten Damen mich mit Komplimenten und Respektsbekundungen und ich fühlte mich einen Moment lang so kultiviert und europäisch und frei, wie ich mich sonst nur in der Vorstellung, eine Weltreise gemacht zu haben, gefühlt hatte. Dann verwickelte der Mann am Tisch auf der anderen Seite die Damen in ein Gespräch und ich konnte nur eine zurückgewinnen, eine Situation, die mein Selbstbewusstsein wieder auf Normalmaß zusammenschrumpfen ließ.

Natürlich mache ich mir Vorwürfe, dass ich nicht oft genug in Hostels übernachtet habe, nicht genug Menschen kennengelernt habe, dass ich alles viel mehr hätte genießen müssen. Dass ich nicht genug aufgeschrieben habe. Dass ich dachte, dass das bestimmt nicht die letzte Weltreise war und dass ich das jetzt einfach jedes Jahr machen würde. Wahrscheinlich lässt sich das nicht einrichten. Andererseits bin ich stolz, dass ich so angstfrei in jedes Flugzeug gestiegen bin und mich doch immer wieder überwunden habe, aktiv zu werden. Ich bin froh, dass ich mein Geld für diese Erfahrung ausgegeben habe und nicht für ein Auto oder Designerklamotten oder irgendeinen anderen Dreck, der niemanden auf der Welt glücklich macht. Ich kann mich jetzt bin ans Ende meines Lebens daran erinnern, wie ich einmal in Buenos Aires auf einer Trommelparty getanzt habe, wie ich auf Gili Trawangan für den Engländer ein Pferd in den Sand malte, in Vietnam eine Schlange auf den Arm nahm und in Barcelona dann doch noch ins Picasso-Museum gegangen bin. Ich hoffe, dass ich mir in den nächsten Jahren noch ein paar weitere tolle Erinnerungen kaufen kann. YOLO!

Letztendlich, und ich glaube, das hat man auch diesem Blog angemerkt, geht’s doch aber überall nur um die Leute, die man trifft. Was wurde eigentlich aus…

…dem Kolumbianer? Wir haben nie wieder miteinander gesprochen. Haha!

…dem “You’re very pretty but you’re not very smart”-Argentinier? Wenn ich mich recht erinnere, will er dieses Jahr zum Oktoberfest in München sein. Wir sind Facebook-Freunde, vielleicht trinken wir dann eine Maß zusammen.

…meiner BA BFF? Sie ist durch Südamerika gereist, auch drei Monate lang. Ich habe sie im Herbst besucht, als ich in Berlin war, vor kurzem hat sie auf der Durchreise nach Österreich kurz in München angehalten. Sie ist großartig!

…M., dem Aussteiger aus Hawaii? Ist nicht auf Facebook. Er meint, wer wirklich Kontakt zu ihm haben will, der schreibt ihm auch eine E-Mail. Irgendwie verplan ich das immer. Der ist so schlau, ey!

…dem Schweizer? Ging wochenlang surfen auf Fuerteventura, weil ihm Hawaii zu langweilig war. Arbeitet als Kapitän auf Segelschiffen und gurkt regelmäßig durch kroatische und italienische Gewässer. Keine Ahnung, wo er jetzt gerade ist, vielleicht auf Bali.

…der Holländerin? Hat eine einwöchige Ausbildung zur Masseurin gemacht, postet hin und wieder Borderline-Status-Updates. Wird immer noch auf Bali vermutet.

…dem Engländer? Nachdem ich ihn in Dubai und er mich in Barcelona besucht hat, habe ich ihn Ende des Jahres noch mal in Dubai besucht. Das war sehr lustig! Ich war Quadbiken in der Wüste! Außerdem habe ich Unfassbares aus der Pferderenn-Szene erfahren. Mehr dazu in ca. einem halben Jahr.

…dem Brasilianer? Auch kürzlich in Dubai gesehen. Er war ganz ruhig und zurückhaltend (keine Drogen zur Hand). Trotzdem ist immer noch alles awesome, the best und fucking amazing. Seinen nächsten Urlaub will er auf jeden Fall wieder in Indonesien verbringen.

…Alice? Nie wieder gesehen. Ich glaube, er wollte noch weiter die vietnamesische Küste hochfahren.

…Sperman? Schreibt mir hin und wieder E-Mails, in denen er mir ein frohes Fest wünscht, Werbung für das Zimmer macht, das er vermietet, oder fragt, ob er mein Buch auf Spanisch übersetzen soll. Ich weiß auf nichts davon eine Antwort.

…dem Waliser? Der hat mich ziemlich zackig nach Ende der Reise in München besucht. Dadurch war der Übergang in die Realität recht fließend. Danach ist der Kontakt langsam eingeschlafen, aber ich glaube, niemand ist deswegen böse. Er absolviert immer noch Triathlons, u.a. in Neuseeland.