Caye Caulker ist eine der Inseln, wo die meisten Menschen hinfahren, die nach Belize reisen. Laut der verdammt glücklich aussehenden Holländerin, die dort seit 12 Jahren das Frühstückslokal „Amor y Café“ betreibt, geht dort recht wenig. Man kann schnorcheln und tauchen (vor der Insel liegt das zweitgrößte Riff der Welt), Hummer essen und abgammeln.

Wir taten exakt das. Beim Schnorcheln sahen wir einen Feuerfisch, eine Muräne, bunte Fische (kleine und riesengroße), einen Hummer, Rochen und Haie. Also, ich hätte wahrscheinlich nichts davon gesehen, wenn Matti nicht dauernd irgendwohin gezeigt hätte. Und selbst dann glotzte ich oft stumpf ins Leere. Als wir auftauchten, war das erste, was er sagte nicht „Wow, die Unterwasserwelt ist einfach voller magischer Fabelwesen, nicht wahr?“, sondern: „Eine Frage: BIST DU BLIND?“ Frech, schließlich hatte ich zwei Tage zuvor das wichtigste Tier des Urlaubs entdeckt.
 
 
 
 
 
 
Auf unserem ersten Orientierungsspaziergang trafen wir einen Krebs, der ein Schneckengehäuse mit sich herumtrug. Ich meinte mich zu erinnern, dass das eine bestimmte Krebsart ist, die sich aus Prinzip in Schneckenhäusern einquartiert (Einsiedlerkrebs).
Wir stellten uns vor, wie der Krebs eine Schnecke in Paten-Manier vorlädt (russischer Akzent, warum auch immer): „That is a very nice house you have there...“ *Zigarre anzünd* „Would be a shame if... someone took it from you.“ Schnecke (naiv): „It is attached to my body!“ Krebs: „You know... there might be a solution for that...“
Der evil Krebs wurde zu einem schier unerschöpflichen Quell der Freude für uns, dämonischer Kommentator, liebgewonnenes Krustentier. (In Wahrheit sucht er sich aber, glaube ich, leere Schneckenhäuser).

Am nächsten Morgen hatten wir die Ehre, unsere Fähre nach Belize City mit einem Vietnam-Veteranen teilen zu dürfen. Gibt es diese Caps bei Walmart? Nach der Ankunft stiegen wir in unseren ersten Chicken Bus und fuhren nach San Ignacio an der Grenze zu Guatemala. Einmal quer durchs Land, das dauert 2 ½ Stunden – Belize ist nur so groß wie Hessen. Ich war noch nicht oft in Hessen, aber ich glaube, viel mehr als die Größe haben diese beiden Orte nicht gemein.
 
 
 
Im Hostel trafen wir eine Menge Deutsche, zum Beispiel M. und T., die wir schon auf der Fähre nach Caye Caulker gesehen hatten. Ein irrer Amerikaner lief mit einem Lächeln durchs Hostel, das man nur als Werbung für das Weed verstehen konnte, das er rauchte. Durch einen roten Apfel, in den er zwei Löcher gebohrt hatte – eins zum Anzünden, eins zum Ziehen, dazwischen das Gras. Also rauchten wir mit ihm den Apfel. Ich zog nur einmal kurz, danach bekam ich evtl. ein bisschen einen Laberflash, aber der Apfel-Ami hörte geduldig lächelnd zu, mit geschlossenen Augen nickend, immer wieder sagend „Good for you“, wie ein gottverdammter Guru. Es war sau-entspannend. (Auch, wenn „Good for you“ für mich immer wie ein angepisstes „Schön für dich“ klingt.) Außerdem beschlossen M., T., Matti und ich, dass wir am nächsten Tag ein Auto mieten würden.

Unser Belizean Roadtrip erstreckte sich über einen Nachmittag und den darauffolgenden Vormittag. Die Highlights im Schnelldurchlauf:

- Eine 45-minütige Wanderung durch den Dschungel am „Jaguar’s Creek“. Erspähte Jaguare: 0. Erspähte Pflanzen, die sich „Horse’s Balls“ nennen: 1. Erspähte Moskitos: 473292.

- Mitnahme eines Anhalters, der auf dem Rückweg von seiner Arbeit auf einer Kakaoplantage war. Hypnotisiert von einer zentimeterlangen Warze auf seinem Finger fiel mir gar nicht auf, dass er eine Machete dabei hatte. Hoppala!

- M. und T. kamen mit zwei Mennoniten-Jungs ins Gespräch. Die Mennoniten in Belize sind ähnlich drauf wie die Amish in den USA – sie tragen Klamotten wie im 19. Jahrhundert, fahren mit Kutschen rum, benutzen keine technischen Geräte, sind streng gläubig, nix ist erlaubt. Und sie sprechen Deutsch. Die beiden Jungs erzählten M. und T., dass sie im nahegelegenen Springfield lebten. M.: „Springfield, wie bei den Simpsons?!“ Stirnrunzeln.

- Auf dem Rückweg war es schon dunkel, M. spielte eine Oldie-Playlist, es lief Otis Redding und Matti und ich teilten uns auf der Rückbank heimlich eine Flasche Kokosnuss-Rum. Es war schließlich Valentinstag.
 
 
 
Ok, noch mal zurück zu den Mennoniten und Schluss mit Schnelldurchlauf.

Am nächsten Tag wollten wir eigentlich zum Ziplining (oder Slipriding, wie T. es nannte). Leider verschlechterte sich das Wetter auf dem Weg und wir beschlossen, stattdessen die Mennoniten zu besuchen. Auf unebenen Sandstraßen fuhren wir nach Springfield. Ein paar Holzhütten, zwei, drei Gewächshäuser, keine Menschen, keine Autos. Wir gelangten zu einer Art Garage, wo gerade ein paar Männer Gemüse zusammenpackten. Ein etwa 15jähriger Junge mit blondem Topfschnitt, Hosenträgern und schwarzen Stiefeln kam uns mit einer Schubkarre entgegen. Wir fragten, ob das da der Markt sei. Er war maximal verstört und stammelte etwas Zustimmendes. Seine Hände waren riesengroß wie die Pranken eines 38jährigen Serienwürgers.
Am Rande des Markts saß vermutlich seine Schwester, mit großen blauen Augen, einer Haube über dem blonden Haar und schmutzigen nackten Füßen. Sie starrte uns mit gesenktem Kopf an wie ein Mädchen aus einem Horrorfilm. Ich sagte ihr „Hallo“, sie bewegte zumindest kurz den Mund. Später las ich, dass die Mennoniten in Belize extrem streng sind und dass es sogar verboten ist, mit Kindern herumzublödeln.

Die Jungs hatten Hunger und kauften ein Sandwich und eine Zimtschnecke, die der Mann aus einer hölzernen Vitrine nahm. Auch er sprach Deutsch, das lerne man hier in der Schule, man spreche es in der Kirche, aber im Alltag Pennsylvaniadeutsch.

Ich musste dringend aufs Klo und der Mann deutete auf ein kleines weißes Häuschen. Im Inneren eine schöne Holzplanke mit einem kleinen und einem großen Loch. Ich sah rein: Einwandfrei, keine Scheiße. Vielleicht war dafür die Schubkarre des Jungen gewesen?!

Der Mann beantwortete geduldig alle Fragen, erklärte, dass die Mennoniten von Russland über Kanada und Mexiko schließlich nach Belize gekommen seien. Dass es besser sei, wenn vor allem die Kinder nichts von der Außenwelt mitbekämen. Und nein, ein Restaurant gäbe es hier nicht – dann kämen Touristen und das wolle man nicht. Unser Stichwort. Wir machten einen Abgang.

Die beiden Kinder gingen mir lange nicht aus dem Kopf. Die waren wie Geister.
 
 
 
 
Zurück in San Ignacio stiegen wir zu einem Mann mit Halstattoo ins Auto, der uns versicherte, ein Taxifahrer zu sein. Er und sein Kumpel fuhren uns mit der Anlage auf Anschlag zur Grenze nach Guatemala. Zivilisation – einfach schön!

Lest im nächsten Post evtl. wie wir in Guatemala den Maya-Spirit channelten, uns in einer dunklen Höhle fast die Beine brachen und ich ein halber Beerpong-Profi wurde.

Fotos: Matthias Schreiber