Als ich meiner besten Freundin noch in Deutschland eröffnete, dass ich nach Istanbul reisen würde, warnte sie: “Istanbul ist eine coole Stadt. Aber das Gebagger von den Typen ist halt echt krass nervig.” Ich kam ins Grübeln. Braun gebrannte Südländer mit Bärten und Brusthaar, die sich ununterbrochen an mich ranschmeißen würden? Puh. Das musste man sich echt gut überleg… So. Flug gebucht.

Ich kam in einem Teil von Istanbul namens Kumkapi an. Es gab Brunnen und kleine Läden und eine Fußgängerzone und Restaurants und Menschen und ich schlug entzückt die Hände vor dem Herzen zusammen und dachte “Ach, Europa! Wer braucht schon andere Kontinente? Meinetwegen: Vernichtet sie.” (Bisschen radikal vielleicht, im Nachhinein.)
Dann winkte mich ein Typ namens Serkan in sein Restaurant und servierte mir Meze und türkischen Kaffee. Serkan las in meinem Kaffeesatz, dass ich ein gebrochenes Herz hätte. Er bot an, es am Wochenende auf den Prinzeninseln zu reparieren, und gab mir seine Telefonnummer. Er ließ mich nicht gehen, bevor ich ihm nicht ins Gesicht gelogen hatte, dass ich ihn anrufen würde.
Ungefähr jeder fünfte Mann, an dem man in Istanbul vorbei spaziert, will ein Gespräch beginnen, das, das hatte ich nach ein paar Stopps gelernt, unabwendbar auf Handküsse zusteuert. In meiner Handtasche sammelten sich kleine Zettel, die mir Kellner und Verkäufer zugesteckt hatten. Das Ganze ging so weit, dass ich mit ein paar Engländerinnen, die ich unterm Galataturm kennengelernt hatte, nachts von einem irren Grapscher bis aufs Klo verfolgt wurde. Ich sah an mir herunter. Hatte ich was an? Hatte ich.
Es irritierte mich ein bisschen, dass meine ehemalige Kollegin L., die zufällig ebenfalls in Istanbul war, nicht von ähnlichen Erfahrungen zu berichten wusste. Neue Taktik: Ich setzte eine Sonnenbrille auf und marschierte nur noch im Stechschritt durch die Straßen. Wenn mich jemand ansprach, ignorierte ich ihn. Sprach er trotzdem weiter, pflegte ich zu entgegnen: “Ich möchte mich jetzt nicht unterhalten, vielen Dank.” Das funktionierte, aber ich fühlte mich wie ein Arschloch.
Bei Kindern machte ich natürlich eine Ausnahme. Als ich mir ein Fischbrötchen an einem der Boote an der Galatabrücke kaufte, scharte sich sofort ein Schwarm kleiner Jungs um mich, die mir Erfrischungstücher mit Melonenduft verkaufen wollten. Plötzlich kam ein größerer Junge, der dort den Müll einsammelte, und verscheuchte sie. Er ging auf mich zu und fragte: “Sex?” Ich starrte ihn an. “You, me, Porno-Sex?” Er deutete mit seinem Zeigefinger einen erigierten Minipimmel in seinem Schritt an. Ich biss in mein Brötchen und drehte ihm den Rücken zu. Obwohl ich nie da gewesen war, bekam ich auf einmal große Sehnsucht nach Barcelona.

Schade eigentlich, weil es im Orient II auch Sachen gibt, die schön sind:
• Turkish Delight! Ich habe Mahlzeiten damit ersetzt. Am besten ist das mit Granatapfel-Geschmack.
• Moscheen! Nach wie vor meine Nummer einsen unter den Gotteshäusern.
• Das Hamam! Eine badebeanzugte Frau Marke Fleischereifachverkäuferin seifte mich von oben bis unten ein und walkte mich durch. Kate Moss war auch schon da. Sie dürfte daran zerbrochen sein.
• Das Essen! Zum Beispiel mit L. und C. im “Karaköy Lokantasi”. So gut. Dank an M. für die Empfehlung!
• Arabische Musik! Dum-shikka-shikka!
• Die Basare! Da hab ich kleine bunte Schüsseln gekauft. Fuck: Die lilane ist kaputt gegangen.
• Wasser! Ich hab vom Boot aus Delfine gesehen!!! Schon wieder.
• Wasserpfeifen! Aber danach war mir schwindelig und ein Zypriot hat sich in meinem Gesicht festgesaugt. Mein Fehler. Ich hatte die Handküsse geduldet.

Eigentlich wollte ich zwei Wochen bleiben. Nach acht Tagen nahm ich den nächsten Flug nach Spanien. Ich hatte keine Lust mehr, ein Arschloch zu sein. Und außerdem wollte ich pünktlich zu meiner Verabredung erscheinen.