Freunde, ich habe hier die Zeit meines Lebens. Ok, jetzt in diesem Moment vielleicht gerade nicht - ich habe einen Kater, weil ich gestern erst 5 Bier in einer Rooftop-Bar in Mumbai getrunken habe und dann noch in einem Club weitergefeiert habe. Und mit feiern meine ich: komplett die Kontrolle zu Bollywood-Tunes verlieren.

Das fing alles erst gar nicht so gut an hier. Nach Pushkar und Udaipur (wo wir u.a. einen Kochkurs gemacht haben, mit einem Party-Tuk Tuk durch die Nacht an Elefanten vorbeigebraust sind und eine traditionelle Tanzperformance angeschaut haben, wo eine 70jährige Frau zehn Alu-Pötte auf ihrem Kopf balancierte) fuhren wir mit dem Nachtzug 17 Stunden nach Mumbai. Ich hasste es. Ich hatte keinen Bock mehr auf große Städte, ich war saumüde und wollte endlich an den Beach. Deswegen trottete ich ein bisschen lustlos hinterher, als wir den hässlichen Stadtstrand besuchten, das gähnend langweilige Bahnhofsgebäude und das zugegebenermaßen ganz schöne Gateway of India. Dann rannten auch noch alle zu einem Kebab-Stand, um endlich mal wieder Fleisch zu essen und ich zog mir was Vegetarisches in so 'nem Café rein. Meh. Nach ein bisschen Googelei standen wir ratlos auf der Straße und überlegten, in welche Bar wir jetzt gehen könnten. Bis irgendjemand sagte: "Los jetzt, wir gehen einfach irgendwo rein." Und so landeten wir auf dem Dach der "Bar Stock Exchange". Es funktionierte so: Je mehr man konsumierte, desto billiger wurden die Drinks. Meine Travelbuddies J. und E. aus England keulten sich einen Grey Goose mit Cola (aus der Karaffe, wtf) nach dem anderen rein und nach und nach entblätterte sich J. neben mir - seine Alkohol-Persönlichkeit kam zum Vorschein. Viele Leute, die ich kenne, verändern sich betrunken nicht großartig. Ich bin immer eine derjenigen, bei der der Unterschied am größten ist, weil ich nüchtern das Maul nicht aufkriege und nach ein paar Bier dann Justin Bieber-Songs auf der Tanzfläche mitgröle und flüchtige Bekannte frage, ob sie schon mal Analsex gehabt haben. So in der Art. J. aber spielt in einer anderen Liga. Im Grunde tut er nichts anderes, aber alles 100mal heftiger. Beim Tanzen wird gezappelt und geschrien, Leute werden hochgehoben und durch die Luft gewirbelt, er macht irre Geräusche, johlt und brüllt. Es grenzt an Tourette. Weil Fremdscham nicht mehr ausreichte, versuchte ich mich an einer Analyse. Und ich denke, er tut es für die anderen. Denn was geschah, war: Jeder ging ein bisschen mehr aus sich heraus, in der beruhigenden Gewissheit, neben J. nicht weiter aufzufallen. Noch ein Indiz für die Selbstlosigkeit seiner Darbietung war: Nebenbei checkte er ständig die Getränke der anderen und orderte nach. Der Mann hatte die Party unter Kontrolle. Und als er mit ein paar Indern ins Gespräch kam, war es urplötzlich vorbei mit den Spasmen und er war wieder ein normaler Mensch, der sich nett unterhielt. Als die Rooftop-Bar dann die Musik ausmachte - wir waren ohnehin die einzigen gewesen, die getanzt hatten - machte der Bestorganisierte der Gruppe, ein Marokkaner, der vor 8 Jahren nach Amerika ausgewandert war, ein paar Taxis klar und wir fuhren mit einer indischen Hobby-Fremdenführerin in einen Club. Durch einen Hoteleingang an einer Bäckerei vorbei und durch einen schmalen Gang hechtete ich direkt zur Bar und organisierte mehr Kingfisher (Bier. Slogan: "The king of good times"). Ricky Martin, Rihanna und Bollywood-Tunes wechselten sich ab und wir wurden als Special Guests der Geburtstagsparty eines Inders gehandelt. Ich unterhielt mich mit einer wunderschönen 23jährigen Inderin, die bereits verheiratet war und mich fragte, warum ich es nicht sei. Ja, warum nicht? Kam irgendwie nie auf. ¯\_(ツ)_/¯ Ich konnte sehen wie unzufrieden sie mit meiner Antwort war, also machte ich einen auf ungebundene Westlerin, die frei sein und reisen wolle. Sie nickte enthusiastisch und wir beneideten einander kurz, bis J.'s verschwitzter Körper mit einer Rose im Mund dazwischensprang. Es waren eh sehr viele Rosen im Umlauf, die sich die Leute gegenseitig überreichten. Love was in the air! Der schwule Engländer aus unserer Gruppe tanzte mit einem gutaussehenden Inder. Er so: "I'm enjoying this!" Etwas später: "Er ist total ahnungslos, der sagt mir die ganze Zeit, ich soll mir ein Mädel aufreißen *augenroll*". Das Küken aus Australien (19 Jahre) bekam eine Jägerbomb ausgegeben und brauchte danach erstmal Supervision. Aber zum Schluss tanzten wieder alle zusammen und zwar zu einem indischen Song, den wir zufällig auch gut kannten - aus dem Bollywood-Film "Badrinath ki Dulhania", den wir uns in Jaipur angesehen hatten. Ca. 3 Stunden auf Hindi, keine Untertitel. Wir verstanden genug, um zu kapieren: Häusliche Gewalt scheint ein Thema zu sein. Ich wage mal zu behaupten, dass in keinem westlichen Mainstream-Film eine Frau von einem Typen gestalkt und gekidnappt werden könnte und trotzdem bei ihm bleiben würde. Eine karriereorientierte Frau würde wahrscheinlich auch einem anderen Traumjob hinterherjagen als dem einer Stewardess. Auch, wenn man, gerade in Mumbai, viele Frauen sieht, die ein westlich orientiertes Leben zu führen scheinen, ist in Sachen Gleichberechtigung wohl noch einiges zu tun. Dafür ist man uns beim Thema Speziesismus voraus. Tiere scheiße zu behandeln ist verpönt, überall gibt es vegetarisches Essen - in Pushkar sogar ausschließlich - nicht nur Kühe laufen unbehelligt durch die Straßen, sondern auch Affen, Esel, Ziegen und Hunde. Bei uns spräche man von einer Plage und würde sofort einen hinterhältigen Plan zur Ausrottung der Viecher erarbeiten. Ich und Inder finden das ungerecht. Am krassesten sind die Jainas. Die sind nicht nur Vegetarier, die essen auch keine Karotten oder anderes Gemüse, das in der Erde wächst, weil bei der Ernte Tiere getötet werden könnten. Sie tragen einen Mundschutz, damit sie nicht versehentlich Insekten einatmen, und wenn sie mal wo langgehen, fegen sie den Weg vor sich mit einem Besen, damit sie auf keine Ameise treten. Leute, die Veganer extrem finden, sollen mal hierher kommen! Lohnt sich eh, der Tempel in Ranakpur ist einer der schönsten ever, mit unzähligen weißen geschnitzten Säulen. Außerdem kann man drinnen einen jungen Mönch (?) treffen, der fließend Deutsch spricht, weil er Herausforderungen mag und es sein großer Traum ist, mal Deutschland zu besuchen. Wowie, oder?

Aber nicht alles hier ist eine Überraschung. Es gibt Indien-Klischees, die sich vor Ort bestätigt haben: 1) Fremde fragen dich, ob sie ein Foto mit dir machen können. Sie drücken dir ihr Baby in den Arm, und dann noch eins und ehe man sich's versieht, ist man Teil eines Familienportraits, das dann, erklärte man uns, über die sozialen Netzwerke verbreitet wird. Manchmal soll man die Hand des Gegenübers schütteln, als mache man gerade einen Deal fix. Ich habe mich zu ein paar Rapper-Posen hinreißen lassen, eh klar. 2) Der Verkehr ist komplett irrsinnig + wirkt wie das pure Chaos. As we speak wird vor der Tür nonstop gehupt. Aber unser Guide hat mir alles erklärt: Es ist eine eigene Sprache. 1x kurz hupen bedeutet "Huhu!" Oder "Danke!" 2x kurz hupen bedeutet: "Kann ich mal durch?" 1x lang hupen bedeutet: "Lass mich durch, es ist dringend!" Für wenn man z.B. 3) Durchfall hat - ein weiteres Klischee, das stimmt. Ich glaube, es gibt keinen in der Gruppe, der nicht schon die Scheißerei hatte - gekotzt hat aber bisher nur eine, ihrer Aussage nach, weil sie sich die Zähne aus Versehen mit Leitungswasser geputzt hat. Das war am ersten Tag. Mittlerweile ist sie süchtig nach Streetfood. 4) Mit dem Kopf hin und herwackeln ist wirklich sehr verbreitet. Und auch, wenn man uns schon am ersten Tag gesagt hat, dass die Inder so Zustimmung ausdrücken, haben wir uns in fast zwei Wochen noch nicht dran gewöhnt und fragen immer noch: "Ja? Nein? Hä?" 5) Das Essen ist der Wahnsinn. Wir waren auf einer Food-Tour in Delhi und da gab es Sachen, von denen ich noch nie was gehört hatte. Z.B. Momos, indische Dumplings, die im Gegensatz zu den Chinesischen tatsächlich nach was schmecken. 6) Es riecht hin und wieder doll nach Exkrementen. :(

Was mir bis jetzt nicht aufgefallen ist, sind Horden von Straßenkindern, die einen anbetteln. Ja, es gibt Leute, die betteln, und wir wurden angehalten, ihnen nichts zu geben, weil viele Teil einer Bettelmafia sind, die Babys mit Drogen abfüllen, damit sie nicht schreien etc. pp. Ich bin dazu übergegangen, Kekse zu verteilen. Manche lehnen ab, weil sie Kohle für ihren Bettelmafia-Pimp brauchen, manche freuen sich. Und obwohl sie teilweise wirklich sehr schmutzig sind und barfuß und arm, glaube ich, dass sie etwas haben, was viele reiche Westler nicht haben: Echte Beziehungen zu anderen. Mo money, mo Einsamkeit. Vielleicht könnten wir mit einer gerechteren Verteilung alle alles haben?! Hey, nice Überleitung zum letzten Teil des Backpacker-Bingos:
  • "It just makes you realize how privileged we are"
  • "It's on my bucket list"
  • "Once you catch the travelbug..." (Gespielte Hoffnungslosigkeit, mildes Lächeln, abwinkende Geste.)

Oh, und noch was: Ich interessiere mich für Wörter, mit denen man die Zustimmung des Gegenübers einholen will. Ihr wisst schon, das "ne" in Norddeutschland, das "wa" in Berlin, das "ge(ll)" in München Die Australier/Neuseeländer sagen "hey" oder "ey", die Briten "innit", die Amerikaner "right?" (danke, T.)! Kennst du noch mehr? Erzähl mal in den Kommentaren! Ach, geht ja nicht. Dann bei Facebook, ne?